Heimat


Bäuchlings liege ich auf meinem Bett und beobachte meine neuen Kopfkissen. Ich warte darauf, dass sie sich bewegen, tun sie aber nicht. Hinter mir spüre ich die Wärme durch das offene Fenster hineinziehen. Ich bin leer und trotzdem nicht leicht genug, um davon zu schweben. Writer's block. Und zwar um Längen schlimmer als der Letzte. Aber vielleicht ist es auch eine Hemmschwelle, die mich daran hindert, über das Gewünschte zu schreiben: Die Menschen, die aus ihrem Land geflohen sind und nun unter uns leben, sie haben kein Zuhause mehr. Haben nicht mehr genug, um sich über dumme Dinge wie neue Kopfkissen

Gedanken zu machen. Haben den Boden unter den Füßen verloren. Und ich kann mich nicht dazu bringen, über sie zu schreiben. Voyeurin zu sein bei etwas, das heute ist und nicht bereits der Vergangenheit angehört. Historisch nennen wir das dann immer, das ist wesentlich einfacher. Aber die Somali, die in der Dratelnstraße zwischen Kfz Industrie und Spedition ihr Kind stillt und dabei vielleicht an ihren toten Mann denkt, die lebt und ist Teil unserer, ist Teil meiner Gegenwart. Und sie kann sich noch nicht einmal mit ihrer neuen Nachbarin unterhalten. Die kommt nämlich aus Syrien.


Sommerabend in Wilhelmsburg 2015 (Foto: Melanie Pieper)

Also gehe ich eben Zigaretten kaufen. Ja, ich finde, zu einem ordentlichen Sommer gehören ab und zu wohlschmeckende Zigaretten. Und da das Verlangen nach ihnen so stoßweise kommt wie so vieles in meinem Leben, fühle ich mich mit einem Mal befriedigt. Die Scham ausgeräuchert. Und die Sache mit dem Schreiben habe ich zwar nicht gelöst, aber dafür entdecke ich einmal mehr ganz neue Seiten an meiner Nachbarschaft. Wilhelmsburg tut in seiner spröden Schönheit so, als wäre nichts gewesen. Irgendwie ist es durchlässig für Tragödien und Freuden gleichermaßen. Das inspiriert mich und reizt meine Geduld manchmal bis zur Besinnungslosigkeit.

Die Abendsonne umspielt meine Gedanken, als eine Mann von seinem Abschlepper steigt und auf mich zu kommt: „Ich habe dich gesehen und gesehen, dass du rauchst.“ „Möchtest du eine?“ entgegne ich und strecke ihm die Schachtel hin. „Hast du Feuer?“ und „Hast du heute Abend schon was vor?“ fragt er. Ich muss lächeln, denn irgendwie rettet mich dieser unverblümte Annäherungsversuch heute Abend. Er, ein echter Wilhelmsburger, rettet mich an diesem Abend. Aber Ausgehen werde ich mit ihm trotzdem nicht.